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Über Matthias

47 Jahre alt, blind und ständig unterwegs httP://www.facebook.com/kamaschaefer

Wie nutze ich am Smartphone Navi-Apps

Wie nutzt man blind ein Navigationssystem effektiv

Die meisten Anwender von Navigationssystemen nutzen lediglich die Funktion: „Libes Navi, bring mich auf dem schnellsten Weg von A nach B. Das war es dann auch schon. Es wird dann vielleicht noch vorab mal nachgeschaut, wie lange man zum Ziel braucht, um den Tag planen zu können.
Aber Navis können noch viel mehr:
Da diese Funktionen aber kaum genutzt werden, sind sie in den gängigen Systemen gar nicht vorhanden oder so gut versteckt, dass man sie suchen muss. Deshalb gibt es für blinde Anwender einige Zusatz-Apps, bei denen die wirklich interessanten Funktionen Im Vordergrund stehen. Manche dieser Apps haben ein normales Navi an Bord oder reichen die Infos an gängige Navigationssysteme, wi Apple Karten oder Google Maps weiter. Diese beiden sind übrigens absolut barrierefrei nutzbar. Doch um was geht es mir hier genau
Die gängigen Systeme sind auch im Fußgängermodus eigentlich auf Fahrtzeuge ausgelegt. Kleine Gegebenheiten, wie Treppen, Blumenbete und vieles mehr, was mir als blindem Fußgänger wichtig sein kann, werden nicht angezeigt. Auch wenn ich eine Route anders gehen möchte, weil ich irgendwo sicherer über die Straße komme, kann das normale Navi dies nicht verwerten.
Routen aufzeichnen und Punkte definieren:
Gehe ich einen Weg zum ersten mal, mit oder ohne Begleitung, kann ich die Rute aufzeichnen und hinterher wieder verfolgen. Dabei kann ich hin und zurück auswählen. An jedem wichtigen Punkt, Abzweigungen und anderen Besonderheiten, kann ich Orientierungspunkte setzen und diese mit eigenen Infos und Anweisungen beschriften. „Z.b. „halb rechts, am Blumenbeth orientieren und auf Stufen achten“. So erstelle ich meine eigenen Navianweisungen. Das funktioniert auch im Wald und Feld. So kann ich mir auch Spazierwege, außerhalb der Straßenführung, für die Hunderunde nutzbar machen.
Aber es kommt noch viel besser: Geht es z.b. Um einen Weg zu einem Tagungsort, kann ich anderen meine erstellte ROUTE per Mail schicken. Die brauchen sich dann nur meine Route in die App zu laden und haben so die detaillierte Wegbeschreibung.

Punkte definieren und verfolgen:
Ich kann auch einzelne Punkte erstellen und verfolgen. D.h. Ich kann hören, ob ich mich einem bestimmten Punkt nähere oder mich von ihm entferne, bzw. In welcher Richtung der Punkt liegt.

Momentane und entfernte Umgebungen:
Interessant ist natürlich, detaillierte Informationen über meine Momentane Umgebung zu bekommen. Dazu gibt es die Funktion umschauen. Dabei halte ich das iPhone vor mich und drehe mich in die jeweiligen Richtungen. Ich bekomme angesagt, welche Locations, Kreuzugen und Straßen in der jeweiligen Richtung liegen.
Und jetzt wirds richtig interessant: ich kann auch eine entfernte Umgebung simulieren. So kann ich mir z.b. Schon jetzt einen Überblick über die Umgebung meines gebuchten Hotels bzw. Tagungsort für München verschaffen, wo ich in zwei Wochen hin muss. Einfach Adresse auswählen als Favorit speichern und dann Simulieren wählen und, wie beschrieben vorgehen. So erhalte ich dann Infos über Haltestellen, Straßen und Restaurants, Taxistände usw. Damit kann ich mir auch die Wegbeschreibung vom Hotel zum Tagungsort abrufen. Das hat sogar teilweise in Indien funktioniert.
Geht man jetzt noch einen Schritt weiter, kann man z.B. bestimmte Apps miteinander verbinden und so direkt auf Speisekarten und weitere Infos zugreifen. So ist es möglich, sich als blinder Reisender, neben den Bahnverbindungen auch optimal auf die Umgebung am Ziel vorzubereiten.

Anfang des Jahres war ich mit einer Gruppe zum Wandern unterwegs. Wir kehrten in ein Waldrestaurant ein. Es wurde etwas später als geplant und diverse Leute hatten auch schon einiges getrunken. Es war dunkel und es wurde überlegt, wie man nun aus diesem Wald am schnellsten rauskommen könnte. Ich ging mit meinem Langstock voran und fand, zur Verwunderung einiger Teilnehmer zielsicher den Weg. Keiner hatte im Dunkeln mein Headset bemerkt, über das mir die Navigationsanweisungen gegeben wurden. Der Weg lag auf meiner großen Hunderunde, die ich mir durch den Wald definiert habe. Natürlich merke ich mir nach, wie vor meine Wege. Aber es ist erheblich weniger Stress, wenn man weiß, dass man jeder Zeit seinen Standort abrufen kann und sich die Richtung ansagen lassen kann, wenn man mal falsch abbiegt.

Noch ist die Technik am Anfang. Es gibt diverse Apps, die alle ihre Vor- und Nachteile haben. Am liebsten nutze ich Blindsquare, dass zur Orientierung dient, über Foursquare auf Locations zugreift und es mir ermöglicht, auch eigene Punkte zu definieren und zu verfolgen, sowie Orte simulieren. Will ich gezielt zu einem Ort navigieren, kann ich das Ziel direkt an eine Navi-App weiterreichen. Andere Apps sind z.b. My Way klassik, mit der man komplette Routen aufzeichnen und an andere weitergeben kann. Seeing Assistent Move ist etwas übersichtlicher, hat aber einen ähnlichen Funktionsumfang. Es gibt noch mehr Apps, die alle irgendwo ihre Vorzüge haben. Momentan experimentiere ich mit mehreren Apps und bin gespannt, auf die weitere Entwicklung. So unterstützt Blindsquare z.b. demnächst auch Indoor-Navigation. Mit Hilfe von Bluetooth-Beacons, die Ihre Informationen ans Smartphone senden, können ganze Bahnhöfe oder sogar Flughäfen navigierbar gemacht werden. Und dieser Bereich könnte auch für Sehende Fußgänger interessant werden.
Bald bekomme ich meine Applewatch. Demnächst werde ich dann das Informationssystem für meine Umgebung am Handgelenk tragen. Ich bin mal gespannt, was da in Zukunft noch möglich wird.
Schon jetzt ist mein Leben durch die Navi-Apps erheblich stressfreier geworden. Ich muss durch die Möglichkeit, Wege vorbereiten zu können und der Gewissheit, dass ich mich nicht verlaufe, nicht mehr so stark konzentrieren und habe den Kopf frei für andere Dinge. Und noch etwas ganz nerviges gehört der Vergangenheit an. Ich brauche mir keine Sorgen mehr zu machen, dass ich an einer falschen Haltestelle aussteige, weil es falsche oder gar keine Ansagen gibt. Ich kann mir von zuhause schon den Bahnhof, die Haltestelle oder einen Punkt in der Nähe definieren und eine Entfernung einstellen, wann ich auf mein Ziel hingewiesen werden möchte. Das ist besonders nachts beruhigend. ich kann mich im Bus auf ein gutes Buch konzentrieren und muss nicht ständig auf die Fahrtroute achten.

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Nervige Helfer

Helfen und helfen lassen
Wenn Hilfsangebote nerven

Ich habe Feierabend und freue mich, das ich es geschafft habe, heute früher aus dem Betrieb raus zu kommen. Denn mein Vater hat heute Geburtstag. Leider wehrt die Freude nur kurz, denn ein respektloser helfer, in Kombination mit dem Lockführerstreik verhageln mir das weiter kommen. Ich steige in die Straßenbahn und finde sofort einen angenehmen Stehplatz. Ein Mann bietet mir einen Platz an, was ich ja grundsätzlich sehr nett finde. Da ich jedoch gleich wieder aussteigen musste und einen guten Platz mit Haltestange, in der Nähe der Tür hatte, lehnte ich höflich ab. damit war der Fall für mich erledigt und ich wollte meinen Spiegelartikel zur Flüchtlingssituation im Mittelmeer weiter hören. Aber das sollte nicht sein. De! Der gute Mann regte sich tierisch da!über auf, dass ich sein Hilfsangebot ablehnte. Ich ignorierte ihn., was ihn immer heftiger werden lies. Seinen Versuch, mic: mich in Richtung seines angebotenen Sitzplatzes zu ziehen werte ich sanft und noch mit einigen beruhigenden Worten ab. Alles half nichts. Er fand meine Weigerung unverschämt und ich solle doch froh sein, wenn mir überhaupt jemand hilft.
Bei so etwas, versuche ich ruhig zu bleiben und meine pädagogische Ausbildung nicht zu vergessen.
Die Frage ist immer, wie lange muss man als Opfer einer aufgedrängten Hilfeleistung eigentlich diplomatisch bleiben? Wie lange soll man es dulden, dass jemand jegliche körperliche Distanz verletzt, bis man sich selbst körperlich wehrt?
Als ich hier merkte, dass mit einem normalen Gespräch hier nichts zu erreichen war, stieg ich vorzeitig aus und wollte mit der Ubahn weiterfahren. Letztendlich führte dann genau das dazu, dass ich Die Sbahn verpasste, die aufgrund des Lockführerstreiks nur alle Stunde fuhr.
Nichts war’s mit früher Nachhause kommen. Ich hatte viel Zeit, für meinen Spiegelartikel.
Und weiter gehts. Verspätung der nächsten Bahn im Lockführerstreik, was wiederum dazu führt, dass mir in darmstadt der Bus direkt vo! Der Nase weg fährt. Ich stehe also wieder an einer Haltestelle und habe viel Zeit, den Spiegel zu lesen. Doch da quatscht mich das nächste menschliche Unheil von der Seite an. Ob man mir helfen könne: „danke, alles okay. Ich warte nur auf den Bus.“ . Wo ich denn hin wolle und herkäme usw. Ich wusste ganz genau was kommt. Ich hatte Recht: „Haben Sie mal 2 Euro für einen..“ Den Rest höre ich mir gar nicht mehr an. 1. Gebe ich grundsätzlich kein Geld mehr, da ich damit mehrfach auf die Nase gefallen bin und 2. Finde Ich 2 Euro ganz schön heftig. Ich gebe ihn klar zu verstehen, dass ich genau gewusst habe, dass er Geld von mir will und es von mir nichts gibt. Er macht noch einen Versuch, mich auf meine Augen anzusprechen und wünscht mir dann gute Besserung. Ich bin genervt.
Tatsächlich habe ich früher öfters Geld gegeben, besonders, wenn mir jemand geholfen hat. Leider musste ich aber feststellen, dass es zur Masche geworden ist, jemanden auf sein vermeintliches Problem anzusprechen, einen tief ins gespräch zu verwickeln und gekonnt im richtigen Moment mit seiner Vorstellung der geeigneten Geldsumme rauszurücken. Da bin ich früher oft drauf reingefallen.
Nachdem es mir öfter passiert ist, dass sich der gleiche, der gerade von mir Geld bekommen hat, 20 Meter weiter mir wieder mit einer Forderung auflauerte, im festen Glauben, ich erkenne seine Stimme nicht wieder, habe ich mich entschlossen jegliche Bitten um Geld entschieden abzulehnen. Was mich nicht daran hindert, jemandem mal einen Kaffee auszugeben. a

Vor der Reise

Indien hat mich schon als Kind irgendwie sehr fasziniert. Bücher, Hörspiele usw. habe ich regelrecht verschlungen. Eine Begegnung mit Sabrye Tenberken, hat dann als Erwachsener den Wunsch Indien zu bereisen, wiederbelebt. Nun habe ich gerade einen Job in einem international arbeitenden Franchise-Unternehmen, der mich gelegentlich ins Ausland reisen läßt. Bei unserem International Meeting 2012 war also Sabrye Tenberken, die ursprünglich in Tibet die erste Blindenschule gegründet hatte und nun ein sehr spannendes Projekt in Kerala, dem südlichsten Bundesstaat Indiens betreibt, von dem ich später noch ausführlich berichten werde, als Referentin zu Gast.
Sie lud uns ein, unser Meeting 2013 auf ihrem Kampus in Tiruvanantapuram, dem früheren Trivandrum durchzuführen.
Ich hatte nun also die Chance für einige Tage nach Indien zu kommen. Aber, wie das bei unseren Meetings so üblich ist, mit einem sehr straffen Tagesprogramm und einigen wenigen Ausflügen. Das ging natürlich gar nicht. So eine lange Strecke zurücklegen, die Chance zu haben, eines der für mich interessantesten Länder zu besuchen. Und dann nur vier Tage mit Programm?
Nun kam dazu, dass die Schule meines Sohnes einen Schüleraustausch mit Kanada verbaselt hat. Ich wollte ihn mal in eine englischsprachige Umgebung bringen. So entstand die Idee, dass wir zunächst durch Südindien reisen und anschließend am International Meeting auf dem Kanthari Kampus teilnehmen. Lukas sollte hier ein Praktikum machen, während ich an der Tagung teilnahm.

Die nächste Aufgabe war die Reise zu planen. Wir hatten nur die Zeit der Herbstferien zur Verfügung. Insgesamt 16 Tage, wovon vier Tage Tagung und jeweils ein Tag zur An- und Abreise einzuplanen war.
Es galt also 10 Tage optimal zu füllen, damit wir in dieser kurzen Zeit möglichst viel erleben konnten. Außerdem sollte das Ganze möglichst sicher sein. Schließlich war ich als blinder Vater mit meinem 15jährigen Sohn unterwegs und hatte die Verantwortung. So fiel das Abenteuer, allein von Ort zu Ort zu reisen, schon einmal flach.
Ich beschäftigte mich viel mit Kerala und war erstaunt, was man da eigentlich alles machen und erleben kann. Ich versuchte bei namhaften Pauschalreiseunternehmen, die aus der Werbung bekannt sind, für 10 Tage eine Rundreise in einer Gruppe zu bekommen. Nach Kontaktaufnahme mit zwei Reiseveranstaltern war ich ernüchtert. Unmotivierte Callcenter-Mitarbeiter, die nach Schema F am Telefon 0815-Reisen verkaufen wollen. Völlig unmotiviert und unflexibel. Man konnte hier schon nicht damit umgehen, dass wir zwar eine Rundreise machen wollen, danach aber noch im Land bleiben. Wenn mir schon am Telefon eine derartige Lustlosigkeit entgegen schlägt, wie ist das dann direkt am Ziel. Doch dann war Google mein Freund:
Nach Eingabe von „Reisen Kerala“, stieß ich auf Enchanting India. “Wir schneiden Ihre Reise individuell auf Sie zu“. Das las sich gut. Genau das, was ich brauchte.
Ich schrieb eine E-Mail: Ich wolle mit meinem Sohn für 10 Tage Kerala bereisen, hätte anschließend noch eine Tagung. Ich sei blind, aber geländegängig, hätte in der Vergangenheit bereits Bergtouren gemacht und verfüge über Reiseerfahrungen. Es ginge mir nicht darum, von einer Sehenswürdigkeit zur anderen zu springen, sondern eher Land und Leute kennen zu lernen.
Bereits einen Tag später erhielt ich einen Anruf aus Delhi. Und schon da ahnte ich, dass ich mit der Wahl des Reiseunternehmens richtig lag. Maike, eine freundliche Kundenbetreuerin von Enchanting Travel interviewte mich sehr detailliert bezüglich meiner Reisevorstellungen. Wir telefonierten fast eine Stunde. Meine besonderen Bedürfnisse als blinder Reisender wurden interessiert aufgenommen.
Zwei Tage später erhielt ich per Mail zwei Angebote, aus denen ich aussuchen konnte.
Wir würden also von Kochi über zehn Tage bis nach Thiruvananthapuram reisen. Eigenes Auto mit Fahrer nur für Lukas und mich. Wir hatten uns bewusst für eine englischsprachige Begleitung entschieden, da wir beide unsere Sprachkenntnisse verbessern wollten. Wir würden eine Teefabrik mit Plantage besuchen, eine Tour durch den Dschungel erleben, einen Elefantenritt durchs Gelände und vieles mehr. Am Anfang schwirrte mir ganz schön der Kopf und ich fragte mich: Wie sollen wir das denn alles in 10 Tagen schaffen?
Zunächst musste ich noch etwas schlucken bei dem Preis. Aber inzwischen hatte ich dermaßen Begeisterung entwickelt, dass ich diese Reise unbedingt mit meinem Sohn erleben wollte. Es sollte genau die Reise werden, die ich mir als Kind von meinen Eltern gewünscht hatte.

In den nächsten vier Monaten bereiteten wir uns vor. Bei allen Vorbereitungsschritten bezog ich Lukas mit ein. So konnte er lernen, wie man eine Auslandsreise sinnvoll plant.

Wärend der gesamten Vorbereitungsphase stand ich mit Maike in Kontakt. Wir wurden über alles, was unsere Reise betraf, auf dem Laufenden gehalten und konnten uns über Veränderungen der Reiseroute austauschen. Schon hier erwies sich Enchanting für mich als zuverlässiges Reiseunternehmen, von dessen Kompetenz, Kundenfreundlichkeit und Zuverlässigkeit sich manches Reiseunternehmen eine Scheibe abschneiden könnte.
Nun kamen wir auch zum ersten mal mit der indischen Bürokratie in Verbindung. Nämlich beim Beantragen der Visa. Das Onlineformular war alles andere als barrierefrei. Also sind wir auch diese Hürde gemeinsam angegangen. Es erschließt sich mir immer noch nicht der Sinn davon, dass ich, aus Deutschland kommend, sogar die Daten meiner Eltern angeben musste. Dass ich angeben musste, dass meine Eltern und Großeltern nichts mit Pakistan oder Afghanistan zu tun hatten, fand ich absurd. Es sollten bei Weitem nicht die letzten Formulare sein, die wir auf unserer Reise ausfüllen mussten.
Ein absolutes „Muss“ bei den Reisevorbereitungen ist, genügend zusätzliche Passbilder mitzunehmen. Nicht nur, dass man bereits zur Visaerteilung zwei Bilder mit besonderen Anforderungen mitschicken muss. Allein schon beim Kauf einer Simkarte benötigt man ein Passfoto. Zu unserer großen Überraschung benötigten wir an unserem letzten Aufenthaltsort nochmal jeder ein Passbild, da wir in Tiruvanantapuram gesondert angemeldet werden mussten. Bei der indischen Bürokratie können immer wieder Überraschungen entstehen. Wir haben vor Reiseantritt unsere kompletten Dokumente, wie Reisepässe und Reiseunterlagen fotografiert und diese so abgelegt, dass wir jederzeit per Internet darauf zugreifen konnten.
Nachdem nun die Reise bezahlt war und wir die Visa hatten, konnten wir uns an die schönen Dinge der Vorbereitungen machen. Ich hatte schon viele Bücher über Indien gewälzt. Aber auch hier half uns Enchanting mit einem gut gemachten, kompakten Reiseführer aus, den wir gemeinsam durchgingen. Für mich war es wichtig, möglichst viel Kenntnis über die indischen Gegebenheiten zu haben, hatte ich doch schließlich als blinder Vater die Verantwortung für meinen Sohn.
Unsicher war ich mit der Frage: Impfen, ja oder nein? Hierüber erhielt ich von verschiedenen Seiten widersprüchliche Informationen. Letztenendes verzichteten wir auf Impfungen und deckten uns mit genügend Insektenmittel ein. Zudem kaufte ich zwei Moskitonetze. Letztere brachten wir original verpackt wieder mit zurück, weil die Netze dort, wo man sie wirklich brauchte, vorhanden waren. Auch das Insektenspray hätte ich gut vor Ort kaufen können. Pflaster, Paracetamol, und Kreislauftropfen gehörten ebenfalls zur Ausstattung. Nun stellte sich die Frage der geeigneten Gepäckstücke. Weil wir aufgrund meiner Seheinschränkung viel zusammen laufen würden und ich mir die Herausforderungen der indischen Straßen mit Blindenlangstock nicht antun wollte, wären zwei Rollenkoffer zu umständlich gewesen. Wir entschieden uns daher wegen des Zusammenlaufens für zwei Reiserucksäcke.. Das hatte natürlich den Nachteil, dass alles ab dem zweiten Tag verknautscht war, wegen des Ein- und Auspackens. Aber wir brauchten ja keine Abendgarderobe. Insgesamt haben wir eine Menge Dinge mit uns rumgeschleppt, die wir gut hätten zuhause lassen können. Was allerdings unerlässlich ist, sind Händedesinfektionsmittel und Hygienetücher. Der Zustand indischer Sanitäreinrichtungen, außerhalb der Hotels, ist katastrophal.
Wenn ich ins Ausland reise, versuchte ich bisher immer einige wichtige Redewendungen der Landessprache zu erlernen. Dies öffnet Türen und zeigt der einheimischen Bevölkerung, dass sich der Besucher wirklich für das Land interessiert. So wollte ich hier auch etwas Hindi lernen. Durch meine berufliche Belastung wurde daraus jedoch nichts und ich konzentrierte mich lediglich auf die Auffrischung meiner Englischkenntnisse. Wir hatten uns bewußt für eine englischsprachige Reiseleitung bzw. englischsprachige Guides und einen englischsprachigen Fahrer entschieden.
Die Vernachlässigung von Hindi stellte sich im Nachhinein als gut heraus, spricht man doch in Kerala eine eigene Sprache. Hindi ist zwar auch Amtssprache, aber bei der Bevölkerung, so mein Eindruck, überhaupt nicht beliebt. Mit Malayalam, der lokalen Sprache konnte ich überhaupt nichts anfangen. Aber Englisch ist in Kerala schon okay.
Ich empfehle die Sprachvorbereitungen besonders im Hinblick auf Situationen am Flughafen, Ausfüllen von Formularen. Es ist in Indien kein Tag vergangen, ohne, dass Lukas für uns nicht mindestens ein englischsprachiges Formular ausfüllen musste.
Ist man in Indien, wie wir, mit diversem technischen Equipment unterwegs, so empfiehlt sich der Kauf entsprechender Reiseadapter vor Reiseantritt. Da das indische Stromnetz Schwankungen unterliegt, ist die Mitnahme von Akkus sinnvoll. Man kann diese dann übers Stromnetz aufladen und die teuren technischen Geräte, wie iPads etc. am Akku laden.

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Es geht los…

12. Oktober 2013

Unsere Abreise verlief ohne Hektik. Durch unsere umfassende Vorbereitung konnten wir fast sicher sein, nicht doch irgend etwas vergessen zu haben. Die Rucksäcke waren am Vorabend bereits fertig gepackt. So konnten wir am Abreisetag gemütlich frühstücken und danach fuhr uns meine Frau zum Flughafen.

Flughäfen haben für mich immer etwas aufregendes. Der Frankfurter Flughafen ist für mich aber etwas ganz besonderes. Vor einigen Monaten habe ich hier an einem Forschungsvorhaben teilgenommen, mit dem es blinden Menschen ermöglicht werden soll, sich auch in so großen Gebäuden zurecht zu finden. Ein Teil des Flughafens wurde mit WLAN-Points kartografiert. Mit einem Smartphone und der entsprechend entwickelten Software konnte ich mich dort gut zurecht finden und die gestellten Aufgaben lösen. Ich freue mich darauf, wenn die Indoor Navigation irgendwann in Flughäfen, großen Bahnhöfen etc. realisiert wird.

Wir fanden schnell unseren Schalter und der Check-in verlief gewohnt schnell. An Gepäck hatten wir nur die Hälfte von dem, was wir hätten mitnehmen können. Wir tranken noch zusammen einen Kaffee und anschließend kam das, was ich am wenigsten mag. Der Abschied.
Wir gingen durch den Zoll. Das finde ich oft etwas nervig. Ich habe oft das Gefühl, dass man hier als blinder Fluggast besonders akribisch durchsucht wird. Zudem wird man oft herumgeschoben, weil es einige der Sicherheitsleute nicht gelernt haben, vernünftig Anweisungen und Beschreibungen zu geben. Wir waren aber diesmal recht schnell durch. Beim letztenmal am Flughafen musste ich 10 Minuten warten, bis ich meine Schuhe wieder bekommen habe.
Lukas hat einen ganz hervorragenden Orientierungssinn. Wir fanden schnell unser Gate. Als Flugreisender mit weißen Blindenlangstock hat man meistens den Vorteil, dass man als erstes ins Flugzeug darf. Das ist für die Orientierung super. Man kann sich dann noch ohne Hektik beschreiben lassen, wo vom eigenen Platz aus, der nächste Notausgang ist, wo die Toiletten sind. Gut ist, wenn man sich den Waschraum vor Flugbeginn zeigen lassen kann. Die Armaturen sind in jedem Flugzeug anders. Auf dem Rückflug von der Karibik habe ich mal den Spülknopf mit dem Notruf verwechselt und vor der Tür versammelte sich die Kabinencrew.

Wir hatten einen Zweierplatz, was ich als sehr angenehm empfand. Ich mag es im Flugzeug nicht, wenn es so eng ist, ich schlafen oder essen will und mir der fremde Nachbar fast auf dem Schoß sitzt. Es ist gar nicht so einfach, auf so engem Raum, blind zu essen. Ich bekam nochmal separat die Sicherheitsinstruktionen und, welche Überraschung, die Sicherheitsbroschüre in Blindenschrift. Alles sehr professionell.
Der Flug verlief ruhig und das Essen war gut. Ich hatte mir viele Hörbücher auf mein iPad geladen. Lesen ging aber nicht. Die letzten Tage waren einfach beruflich so angespannt gewesen, dass ich erstmal runterfahren musste. Also erst schlafen.
In Doha, der Hauptstadt von Qatar mussten wir umsteigen. Beim Aussteigen aus dem klimatisierten Flieger schlug einem die trockene Wüstenluft geradezu ins Gesicht. Es war schon Dunkel, aber trotzdem noch heiß. Wie ist das hier wohl am Tag?
Auch der Umstieg in Qatar verlief schnell und ohne Probleme. An der Hektik merkte man aber schon, dass wir uns außerhalb Mitteleuropas befanden.
Hatte man sich in Deutschland darum bemüht, dass wir einen Platz im Flugzeug nebeneinander bekommen, so war dies hier den Mitarbeitern der Fluggesellschaft egal. Wir stiegen mit der Menschenmasse ein und hatten tatsächlich, zu meinem Ärgernis, getrennte Plätze. Hier zeigte sich, dass die Kabinencrew unorganisiert war. Ich bin zwar schon öfters alleine geflogen und hatte nie Probleme. Aber hier bestand ich darauf, neben meinem Sohn sitzen zu können. Ich setzte meinen Willen durch, obwohl die Stewardess damit sichtlich etwas überfordert war. Es war aber auch wichtig, dass wir zusammensaßen. Denn während des Fluges von Doha nach Kochi kamen die unvermeidlichen Einreiseformalitäten auf uns zu. Ich benötigte eine Vertrauensperson, die mir das Formular ausfüllte und Lukas hatte so etwas noch nie gemacht. Allgemein ging es auf dem Flug recht hektisch zu. Es war so laut, dass ich die Durchsage nicht verstand, wonach sich in Indien, nicht all zu weit von unserem Ziel entfernt, sich gerade ein Wirbelsturm austobte.
Und wir hatten doch etwas vergessen. Einen Kugelschreiber. So mussten wir uns erstmal was zum Schreiben besorgen, um die ersten beiden Formulare von vielen in den nächsten Tagen, auszufüllen.
Kurz vor der Landung lief ein Besatzungsmitglied mit einer Spraydose durchs Flugzeug. Keine Ahnung was man damit abtöten wollte. Ich stellte mir nur vor, was passieren würde, wenn irgendjemand auf das Mittel, was es auch immer war, allergisch reagieren würde.
Gegen 03.30 Uhr in der Nacht landeten wir in Kochi. Der Fluggast neben uns kletterte regelrecht über uns drüber, weil er offenbar möglichst schnell raus wollte. Das fand ich unverschämt. Da kam bei mir doch der Europäer raus. Mit dem Aussteigen war aber noch nichts. Erstmal wurden zwei Leute separat zum Aussteigen aufgerufen. Da die sich nicht sofort meldeten, dauerte es eine ganze Zeit, bis wir den Flieger verlassen konnten. Im Flughafengebäude bekamen wir morgens um vier schon einen kleinen Vorgeschmack über die indische Hektik. Lange Schlangen bei mehreren Pass- und Sicherheitskontrollen und die Leute hinter den Schaltern, hatten die Ruhe weg. Ich musste mich, durch inzwischen reduzierte Konzentrationsfähigkeit und der enormen Lautstärke, komplett auf Lukas verlassen. Nach einer gefühlten Ewigkeit und Orientierungslosigkeit meinerseits, hatten wir unser Gepäck und kamen aus dem Flughafengebäude.
Hier wartete der Repräsentant von Enchanting India und nahm uns freundlich in Empfang. Während Lukas seine ersten Erfahrungen mit öffentlichen indischen Toiletten machte, unterhielt ich mich mit dem Repräsentanten, der sogar ein bisschen Deutsch sprach. Das hatte er sich durch die vielen Touristen angeeignet.
Ich wollte mir eigentlich gleich eine SIM-Karte am Flughafen kaufen, das ging aber morgens, inzwischen war es 5.00 Uhr, noch nicht.
Vor dem Flughafen wartete unser Fahrer Jose, mit einem silbernen Tojota-Kombi. Dann ging es erstmal Richtung Hotel. Auf der Fahrt besprachen wir den weiteren Tag. Erstmal schlafen und gegen 13.00 sollte es losgehen.
Wir erreichten das Hotel gegen 5.30 Uhr und erledigten die unvermeidlichen Formalitäten. Es gab ein dickes Begrüßungspaket von Enchanting mit einem großen praktischen Rucksack, Mützen, Tee usw.
Nachdem der Mitarbeiter des Hotels endlich unseren Zimmerschlüssel gefunden hatte und ich mich im Hotelzimmer orientiert hatte, fiel ich nur noch ins Bett. Ich registrierte noch die fremden Geräusche. Vogelstimmen und Heuschrecken, die so bei uns nicht zu hören sind..

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1. Tag in Kochi

Sonntag, 13. Oktober 2013

Nach unserer Ankunft im Hotel hatten wir uns schnell schlafen gelegt. Aber, wie das bei mir in fremder Umgebung so ist, war mein Schlaf nur kurz. Ich wachte auf und hörte starken Regen. Dummerweise hatte ich, wegen der Lautstärke, die Klimaanlage abgeschaltet. Es war stickig und heiß. Mir lief der Schweiß nur so runter. Ich kann mich in südlichen Ländern immer entscheiden: Schwitzen oder Bindehautentzündung durch die Klimaanlage. Wir hatten uns darüber verständigt, das Frühstück ausfallen zu lassen und lieber auszuschlafen. Mit unserem Fahrer waren wir erst um 13.00 Uhr verabredet. Ich erkundete zunächst das Zimmer. Dann schaltete ich das Handy an, um mitzuteilen, das wir wohlbehalten die erste Etappe geschafft hatten. Es liefen gleich mehrere besorgte Nachrichten ein, ob wir denn überhaupt in Kochi landen konnten und ob bei uns alles in Ordnung sei. Einige hundert Kilometer weiter östlich wurde die Küste wohl am Vorabend von einem Wirbelsturm getroffen. Es gab mehrere Tote. Wir hatten davon nichts mitbekommen. Im Flugzeug hatte ich lediglich im Halbschlaf irgendwas von einer Durchsage über einen Sturm mitgekriegt.
Ich war gerade mal fünf Minuten mit dem iPhone zu Gange und bekam schon die Meldung, dass mein Datenkontingent zum Surfen im Ausland erschöpft sei und ich dafür 59 Euro zu zahlen hätte. Toll.
Wir hatten bereits am Morgen am Flughafen versucht, eine Prepaid-Karte zu bekommen. Aber morgens um halb fünf wollte uns hier noch keiner was verkaufen. Glücklicherweise hatte das Hotel WLAN im Foyer, so dass wir die Daheimgebliebenen später beruhigen konnten.
Aber der Kauf einer SIM-Karte sollte uns noch länger beschäftigen.
Ich lauschte erst noch ein bisschen den neuen, fremden Geräuschen. Das entfernte Hupen von der Straße, das für mich für Indien als Sinneseindruck mit zum Markenzeichen geworden ist. Die Krähen und andere fremde Vögel, Heuschrecken usw. In Indien ist es nie still. Zumindest habe ich es nie in dieser Zeit erlebt.
Dann weckte ich Lukas. Duschen, Sachen packen und nach vorne zum Foyer, wo wir unsere Pässe wieder bekamen. Die gebe ich nie gerne aus der Hand. Vor dem Hotel stand schon der Toyota mit unserem Fahrer Jose und Jutchin, der für die zwei Tage in Kochi, unser Guide war.
Unser Auto war klimatisiert und stets war, in den Sitztaschen vor uns, frisches, gekühltes Wasser und Knabberzeug. Schon bei der Begrüßung war klar, dass wir vier viel Spaß miteinander haben würden. Die beiden waren begeistert, dass man sich mit uns fließend auf Englisch unterhalten konnte. In späteren Gesprächen erfuhren wir, dass es hier viele Gäste z. B. aus Frankreich und Saudi-Arabien gibt, mit denen die Verständigung sehr schwierig ist.

Als aller erstes ging es zum Geldautomaten. Rupien dürfen weder aus- noch eingeführt werden. Wir versuchten unser Glück am indischen Geldautomaten. Ich hatte für alle Fälle drei Geldkarten und für den Notfall einen Gürtel mit Innenreissverschluß voller Bargeld dabei. Schließlich hatten uns zwei Jahre zuvor griechische Geldautomaten zwei Karten geschluckt. Wir mussten zunächst feststellen, dass alle drei Karten nicht funktionierten, was bei mir dann doch ein leichtes Panikgefühl auslöste. Die Sache hatte aber eine ganz einfache Lösung. Während in Europa die Karten vom Automaten eingezogen werden und so auch geschluckt werden können, läuft das in Asien etwas anders. Man steckt die Karte in den Automaten, sie wird eingelesen, man gibt die Pin ein und dann zieht man sie wieder raus. Erst dann wählt man den Betrag aus usw. Dies war die erste Lektion des Tages.

Ausgestattet mit Rupien fuhren wir dann weiter zum SIM-Kartenhändler, ein Stand an einer befahrenen Straße. Der Verkehrslärm wurde noch von der Menschenmenge um uns und der Musik am Stand übertönt. Für mich also verschärfte Einkaufsbedingungen. Als wir das Ganze hinter uns hatten, man braucht für den Erwerb einer SIM-Karte eine Kopie des Reisepasses und nochmal zwei Passbilder, dachte ich, jetzt wieder mit der Welt in Verbindung zu stehen. Die Karte sollte innerhalb weniger Stunden funktionieren. Später erst erfuhren wir, dass SIM-Karten in Indien erst nach 48 Stunden freigeschaltet werden, um Terroristen die Arbeit zu erschweren. Außerdem hatten wir durch die erschwerten Einkaufsbedingungen und das Verhandlungsgeschick des Händlers gleich noch eine zweite SIM-Karte mit einem Surfstick gekauft, für den wir überhaupt keine Verwendung hatten.

Inzwischen knurrten unsere  Mägen und nach unseren ersten indischen Erfahrungen hatten wir uns ein gemütliches Essen direkt am Meer verdient. Frischer Fisch auf Indisch, allerdings noch europäisch gewürzt.
Nach dem Essen gingen wir durch eine kleine Ausstellung mit indischer und chinesischer Kunst. Hier konnte ich einige Götter der Hindu-Mythologie abtasten. Ich mag diese Figuren mit ihren vielfältigen Formen und Bedeutungen. Merken konnte ich sie mir bisher aber nicht. Des Weiteren konnte mir auch ein Schlangenboot in Originalgröße anschauen.
Diese schlanken Boote sind bis zu 40 Meter lang und können bis zu 100 Ruderer tragen. Zwischen Juni und September werden damit Rennen ausgetragen, in denen die Dörfer der Region gegeneinander antreten.
Anschließend besuchten wir den Dutch Palast, eines der bekanntesten Sehenswürdigkeiten in Kerala. Hier durfte ich leider nichts anfassen, aber Jutchins Art hier über die Geschichte Keralas  zu erzählen, bot mir einen Ausgleich. Mir wurde hier einmal mehr deutlich, wie die Europäer ihre Auseinandersetzungen in der Vergangenheit auf fremden Territorien austrugen. Insbesondere Portugiesen und Holländer, die sich diese schöne Region, samt Bevölkerung durch die Jahrhunderte, verschiedentlich untertan machten. Möchte man sich mit der Geschichte Keralas beschäftigen, sollte man den Dutsch Palast unbedingt ins Reiseprogramm einplanen.

Die nächste Station war die Paradesi Synagoge in Kochi. Von der jüdischen Gemeinde sind noch acht Mitglieder übrig, die hier ihre Traditionen leben und die Synagoge mit ihren vielfältigen chinesischen Mosaiken im Boden als Touristenattraktion präsentieren. Viele indische Juden sind nach Israel ausgereist. Dies erinnerte mich an meinen Aufenthalt in Tel Aviv 2007, wo wir von Dialogue Social Enterprise mit unseren amerikanischen Partnern in einem Restaurant eines indischen Juden zwei Nächte heftig gefeiert hatten..

Voller Eindrücke fuhren  wir danach ins Hotel. Etwas ausruhen und dann wurden wir zu einem großen Kulturspektakel abgeholt.
Wer nach Kerala reist, sollte unbedingt eine traditionele Kathakali-Aufführung besuchen. Hierbei handelt es sich um Tänze, die die Geschichte Keralas darstellen. Die Tänze gehen bis ins Meditative. Teilweise erfolgt die Darstellung lediglich durch Gesichtsausdrücke und Körpersprache. Die für mich fremdartige Musik hat mich sehr angesprochen und ich war teilweise richtig tief in einem meditativen Zustand. Die Aufführung verlangte meinem bisschen Sehrest eine Menge ab
Youtubevideo: Kathakaliperformens . Zum Ende der Aufführung wurde Kalarippayattu, eine alte indische Kampfkunst, präsentiert. Offenbar ist diese Kampfkunst mit dem bekannten Wing Tsun bzw. Escrima verwand.

Völlig fertig und voller Eindrücke über diesen ersten Tag in Indien fuhren wir zurück ins Hotel. Wir aßen noch ein paar Snacks und Trockenfrüchte, die uns Jose mitgegeben hatte. Mehr brauchten wir an diesem Abend nicht. Bei mir stellten sich schon die ersten Anzeichen einer heftigen Bindehautentzündung, durch die Klimaanlage, ein.
In dieser Nacht schliefen wir wie Steine. Wikipedia zu Kochi

2. Tag in Kochi

Montag, 14. Oktober 2013

Das erste Frühstück in Kerala. Ein großer Obstteller, frisch gepresster Fruchtsaft, Eier mit Speck, Toast, Butter und Marmelade. Und was für eine Plörre von Kaffee. Das war der letzte Kaffee in Indien. Wir trinken jetzt Tee.

Um 8.30 Uhr holten uns Jose und Jutchin ab. Als erstes ging es zu einer Wäscherei. Ich hatte mir zwar zuerst die Frage gestellt, warum ich eine Wäscherei besichtigen soll? Aber warum, wurde schnell klar. Es war eine indische Wäscherei, die noch im Stil von vor 200 Jahren betrieben wurde. Kabinen mit Bottichen, in denen die Wäsche noch richtig durchgerubbelt und ausgeschlagen wird. Überall waren gedrehte Seile gespannt, an denen die Wäschestücke eingeklemmt werden. Man sparte sich so die Wäscheklammern. Spannend waren auch die Bügelstationen. Die Bügeleisen wurden noch mit Kohle betrieben. Auch hier fiel mir die beondere Herzlichkeit auf, mit der mir die Leute ihre Arbeitswerkzeuge zeigten.

Anschließend fuhren wir zu einem Markt. Der Besitzer eines großen Obststandes hatte sichtlich Freude daran, mir die einheimischen Früchte zu zeigen. Ich schlug hier alle Warnungen der Reiseführer in den Wind und probierte fleißig das leckere Obst. Magenprobleme hatte ich keine. Am besten schmeckte mir der angebotene Kerala Energy Drink: Eine Kokosnuss mit Fruchtsaft gefüllt. Das Fleisch der Kokosnuss in Verbindung mit dem Fruchtsaftgemisch war lecker. Hier entdeckte ich auch zum erstenmal die indischen Bananen. Viel kleiner als unsere EU-Bananen mit genormter Krümmung. War ich bislang doch der Meinung, man könnte Bananen getrost den Affen und Elefanten lassen, dachte ich nun, dass sie diese hier gerne mit mir teilen können. Daneben entdeckten wir eine Art roten Spinat „Champakka“, eine längliche weiße Frucht mit einem guten, aber ausgesprochen eigentümlichen Geschmack, mit nichts vergleichbar. Athapazham ist eine Art roter Apfel. Doppelt so groß, wie unsere Äpfel und erheblich intensiver im Geschmack. Dazu kommen die bekannten Früchte, wie Ananas, Papaja etc. Ich habe in meinem Leben noch nie so viel Obst gegessen, wie in Südindien.
Weiter ging es über den Markt. Geflügel und aller möglicher Krimskrams. Unter einem überdachten Teil wurde frisch gefangener Fisch zerlegt und verkauft. Alles zwar mit Eis gekühlt, aber Hygiene ist, bei uns in Europa, etwas anderes. Man läuft da durch und direkt neben uns wurden mit großen Messern die Fische zerteilt. Da hat man schonmal ein paar Blutspritzer abbekommen. Im Boden gab es Rinnen, über die die ganze Soße abläuft und vor der Halle eine große entsprechend riechende Pfütze. Aber eine tolle Atmosphäre, mit zubekommen, wie der Fischhandel betrieben wird. Der Hamburger Fischmarkt ist für mich nichts dagegen.

Als nächstes fuhren wir zur Santa-Cruz-Basilika, die von den Katholiken im Jahr 1902 erbaut wurde. Danach ging es zur St. Franzis Church, die älteste von Europäern, erbaute Kirche. Bereits 1503 wurde sie aus Holz errichtet und Mitte des 16. Jahrhunderts in einen Steinbau verändert. Hier wurde 1524 Vasco da Gama beigesetzt. Seinen Grabstein kann man noch besichtigen. Jutchin hat mir diese geschichtsträchtigen Orte sehr anschaulich beschrieben.

Die nächste Etappe führte uns in ein indisches Kaufhaus. Indische Kunst und Souvenirs auf drei Etagen. Alles für mich zum Anfassen. Ich hätte mir stundenlang die Götterfiguren anschauen können und für die geschnitzten Schachspiele hätte ich gut einige tausend Euro ausgeben können. Aber wir wollten ja nicht gleich am 2. Tag Souvenirs kaufen. Das war aber ein Fehler,  denn wir hatten tatsächlich keine Zeit und Gelegenheit mehr, einzukaufen.

An der Spitze der Halbinsel Fort Kochi besuchten wir die für Kochi berühmten chinesischen Fischernetze. Dabei handelt es sich um eine Holzkonstruktion mit Seilen, mit der die Netze ausgebracht werden und der Fang wieder eingeholt wird. Mindestens vier Männer müssen die Netze ziehen. Wir konnten mit den Fischern zusammen einmal den Fang einholen. Einer der Fischer zeigte mir seine, mit dicken Schwielen besetzte Hand, von der täglichen Arbeit mit den Seilen.

Nach diesem riesigen Vormittagsprogramm knurrte uns nun der Magen. Wir aßen in einem Restaurant direkt am Meer. Man konnte sich hier vom direkt daneben befindlichen kleinen Fischmarkt einen Fisch kaufen und im Restaurant braten lassen.

Nach dem Essen fuhren wir ins Hotel. Hier widmeten wir uns, der inzwischen nervigen Aufgabe, die indische SIM-Karte zum Laufen zu bringen. Später erst erfuhr ich, dass die Aktivierung einer SIM-Karte in Indien künstlich auf 48 Stunden hinausgezögert wird, um Terroristen die Nutzung zu erschweren, was ich persönlich jedoch als Tourist ziemlich nervig fand.
Für den Nachmittag hatten wir kurzfristig etwas ganz Tolles eingeschoben. Eine 90-minütige Ayurveda-Massage. Ich habe mich selten so entspannt gefühlt. Eine richtige Ganzkörpermassage.
Wir hatten noch etwas Zeit bis zu unserer letzten Aktion an diesem Tag und gingen noch einen Tee trinken. Dabei konnten wir uns mit unserem Guide Jutchin auch mal über sein Leben als Reiseführer unterhalten.
Danach fuhren wir zum Hafen. Hier startete unsere kleine Kreuzfahrt um die Halbinsel. Zunächst hatten uns andere Touristen unser kleines Boot weg geschnappt. Also bekamen wir zu zweit ein Großes. Wir fuhren durch den Fischereihafen und ich konnte viel mehr Dinge wahrnehmen als in einem Hafen in Deutschland. Es wird eben immer noch sehr viel mit der Hand und vor allem von Menschen gearbeitet. Nach dem anstrengenden Vormittag und der entspannenden Massage am Nachmittag war das ein sehr gemütlicher Ausklang. Wir erlebten den Sonnenuntergang auf dem Boot und pünktlich zum Einbruch der Dunkelheit legten wir wieder an. Hier wäre ich beim Aussteigen beinahe ins Wasser gefallen.

Nach einem erneuten Besuch beim SIM-Kartendealer, der wieder erfolglos blieb, fuhren wir ins Hotel. Kurz frisch machen und den Abend zu zweit in einem Restaurant in der Nähe ausklingen lassen.
Heute hatten wir uns viel zu erzählen und verbrachten die Zeit damit unsere tollen Eindrücke auszutauschen. Ich bestellte mir jetzt zum ersten Mal das Essen indisch gewürzt und behielt dies den Rest der Reise bei. Dazu gab es Lassi, das indische Joghurtgetränk. Super lecker.
Inzwischen hatte ich eine richtig dicke Bindehautentzündung und musste, wegen der Klimaanlage die Sonnenbrille auch über Nacht auf behalten. Dafür hatte ich leider keine Medikamente mitgenommen. Wikipedia zu Kochi

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Tee und Gewürze

Dienstag, 15. Oktober 2013

Heute heißt es wieder Packen. Wir verlassen die Küste und fahren in die Berge zu den Teeplantagen. Das hatte ich mir für diese Reise auch gewünscht. Ich wollte erleben, wie Tee wächst und wie er verarbeitet wird, bevor man ihn zubereiten kann.
Wir begannen den Tag wieder mit einem richtig tollen Frühstück mit frischem Fruchtsaft, Obstteller, Toast und „keinen“ Kaffee.
Meine Bindehautentzündung nervte mich. Ich trug jetzt dauerhaft meine Sonnenbrille, auch beim Essen. Ich hoffte, dass hier in Indien nichts größeres draus entstehen würde. Ich wollte nicht wegen so einer Lapalie die Reise abbrechen müssen. Also Brille auflassen, Auge feucht halten und darauf achten, dass kein Luftzug drankommt. Ich wollte auf keinen Fall mit meinen, ohnehin schon lädierten Augen, einen indischen Arzt aufsuchen. Ihm das alles zu erklären, hätte meine Englischkenntnisse überfordert und bestimmt einen Reisetag gekostet.
Am Vorabend hatten wir uns schon von unserem Guide für Kochi, Jutchin, mit einem verdienten Trinkgeld verabschiedet.
Jose holte uns gegen 9.00 Uhr ab und wir brachen zu unserer ersten Überlandfahrt auf. Viel hatte ich gehört und gelesen über den indischen Straßenverkehr und den Zustand der Straßen. Ich war aufs Schlimmste gefasst und fragte mich, ob mein Magen das aushalten würde. Aber man staune, es war halb so wild. Das ständige Hupen gehört im indischen Straßenverkehr zur normalen Kommunikation. „Achtung, ich bin hier und komme jetzt um die Ecke“. Für diejenigen, die sehen können, ist das anfangs wahrscheinlich eine Qual. Zwei Autos fahren auf einer schmalen Straße aufeinander zu, und im richtigen Moment fährt einer an die Seite. Jose lenkte unser Auto durch den Verkehr und um die Schlaglöcher mit einer Ruhe, die mich beeindruckte. Ich habe während der gesamten Reise keine einzige Vollbremsung erlebt. Während der Fahrt machte er Lukas auf alles mögliche Sehenswerte aufmerksam und erzählte mir über Land und Leute, das Leben in Indien und über seine noch kleine Familie. Dass meine indische Handykarte immer noch nicht funktionierte, nervte mich allerdings besonders. Immer mit der Welt in Verbindung zu stehen, ist für mich ein großes Stück Lebensqualität. Nun begegneten wir auch den indischen Kühen, die schon mal eine Straße komplett blockierten. Spannend fand ich, dass die indischen Straßen teilweise als Highway bezeichnet werden. Die Straßen sind zum großen Teil nicht geteert und so schmal, dass gerade mal zwei Autos aneinander vorbeipassen. Wir konnten den Klimawechsel von der Küste in die Berge spüren. Unterwegs hielten wir kurz an einem Wasserfall. Lukas war begeistert von den freilebenden Affen, die im Wald an bestimmten Punkten am Straßenrand auf Steinen saßen und auf Futter hofften. Gegen Mittag machten wir in einem kleinen Ort halt, dessen Namen ich vergessen habe. Erstmal zum SIM-Kartendealer und schauen, dass die SIM-Karte doch noch zum Laufen kommt. Leider hatte ich mein Werkzeug zum Öffnen des SIM-Kartenfaches verloren. Es dauerte etwas, bis etwas brauchbares aufgetrieben wurde. Hier sollte Apple nochmal nachbessern. Aber: Nun war ich wieder mit meiner Welt verbunden und konnte kommunizieren. Danach hielten wir in einer Art „Raststätte“ mit indischem Buffet an. Als sie dort merkten, dass ich blind bin, wanderte ein Teil des Buffets auf unseren Tisch. Viel mehr als wir je hätten essen können. Indian Spicy war jetzt kein Problem mehr. Erstaunlich, wie schnell sich der Gaumen an die Schärfe gewöhnt.
Unangenehmer auf dieser Fahrt war die Bekanntschaft mit indischen Toiletten. Über zwei Dinge war ich froh: Dass ich Lukas und meine Händedesinfektionsfläschchen dabei hatte.

Weiter und höher ging es nun in die Berge. Durch einsetzenden Starkregen kamen wir später als geplant in Munnar an. Auch hier wurden wir gleich wieder von einem Guide in Empfang genommen. Wir waren etwas unter Zeitdruck. Nun waren wir also endlich dort, wo mein Lieblingsgetränk wächst und produziert wird. Wir fuhren zunächst zur Teefabrik. In Munnar befindet sich, gewissermaßen ein Teemuseum. Zunächst hatte ich erwartet, dass man sich hier die Geschichte des Teeanbaus ansehen konnte. Was wir aber erlebten, war noch viel interessanter. Uns wurde ein Film über die Anbau- und Erntemethoden gezeigt. Im Film erfuhren wir auch viel über die Region und die Situation der Arbeiter. Anschließend wurden wir in einen Raum gebeten, in dem auf einem Holzbrett extra für mich der Tee in seinen verschiedenen Qualitätsarten und Produktionsstufen aufgehäuft war. Wir besichtigten die Produktionshalle mit den Fermentierungsöfen und den Maschinen, die die Teeblätter zerkleinern und walzen. An jeder Maschine konnte ich das Ergebnis nochmals ertasten. Hier war eine Miniatur-Teefabrik aufgebaut. In den richtigen Teefabriken ist es aufgrund der offenen Messer und Walzen für Besucher zu gefährlich. Anschließend gingen wir raus an einen Hang, wo die Teepflanzen wuchsen und beschnitten wurden. Teepflanzen finde ich von der Form der Blätter her irgendwie interessant und ich mag dieses intensive Grün. Zum Schluß konnten wir das Produktionsergebnis genießen. Den aromatischsten Tee, den ich je getrunken habe, ganz ohne Verlust durch Verpackung und Transport. Ich hatte vom Nilgiri-Anbaugebiet vorher noch nie gehört. Aus Indien kannte ich nur Darjeeling und Assam. Der Geschmack des Nilgiri-Tee ist was Besonderes. Man bekommt ihn aber hier in Deutschland selten.
Wikipediaartikel Tee
Nach der Teefabrik führte uns unser Guide, dessen Name mir nicht mehr präsent ist, über den Gewürzmarkt von Munnar. Durch den Höhenunterschied von über 2000 Metern in wenigen Stunden waren wir extrem müde und die Straßen von Munnar brachten uns an unsere Grenzen.
Das war indischer Straßenverkehr in Reinkultur.
Wir fuhren weiter in die Berge zu unserem nächsten Etappenziel. Es regnete. Jose hatte etwas Mühe das Hotel zu finden. Es war schon fast dunkel als wir im Hotel Casa Montagna ankamen. Ein etwas tiefer als Munnar gelegenes Hotel mitten im Wald. Wir stiegen aus unserem Tojota aus, dessen Stoßdämpfer heute großartiges geleistet hatten. Ein netter Mensch nahm uns unser Gepäck ab und geleitete uns zum Gebäude. Plötzlich hieß es Stopp. Eine Schlange schlängelte sich vor uns über den Weg.

Weil die Hauptsaison noch nicht begonnen hatte, hatten wir das Hotel fast für uns alleine.
Wir hatten wieder ein riesiges Zimmer, eingerichtet in altenglischem Stil. Draußen zog ein ausgewachsenes Tropengewitter auf, das dann auch die halbe Nacht anhielt. Der Klimawechsel und der Höhenunterschied verlangte uns einiges ab. Nach einem reichlichen Abendessen fielen wir todmüde ins Bett.

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Shalimar Spice Garden

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Es hat die ganze Nacht geregnet. In einer Intensität, die man bei uns so nicht oft erlebt. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass Jose gar nicht zu uns durchkommt. Bei uns im asphaltversiegelten Europa wäre wahrscheinlich alles überschwemmt. Aber er war pünktlich um 10.00 Uhr da. Vorher gab’s wieder ein reichliches Frühstück. So viel und vielfältig, wie in diesen Tagen, frühstücke ich sonst nie. Die Bergluft ist toll, nicht so tropisch warm und feucht, wie die letzten Tage. Jose hat die Idee, die Klimaanlage abzuschalten und die Fenster unseres Tojotas offen zu lassen, damit ich mehr von der Atmosphäre mitbekomme, wenn wir durch die Dörfer fahren. Unser Ziel ist heute Thekkardy. Wir unterhalten uns heute ausführlich über Geschichten aus der Hindu-Mythologie. Langsam gewöhne ich mich an die indischen Straßen. Wir verlassen die höher gelegenen Bereiche und fahren ins Landesinnere. Irgendwie haben es die Inder mit Feuer. Überall liegt ein Brandgeruch in der Luft.
Gegen Mittag erreichen wir unser nächstes Hotel. Das Shalimar Spice Garden. Sehr idyllisch, aber etwas abgelegen. So, dass man Abends nicht mal so einfach die Stadt anschauen kann. Wir werden mit dem schon obligatorischen Fruchtsaft und den schon bekannten Formularen begrüßt. Wieder mal interessant mit zubekommen, wie die Inder versuchen, unsere deutschen Reisepässe zu entziffern. Unsere Ausweise sind noch nie so oft studiert worden, wie in den letzten Tagen. Wir beziehen für zwei Nächte einen kleinen Bungalow im Garten des Hotels. Wir können uns also mal ausbreiten und wieder halbwegs Ordnung in die Rucksäcke bringen. Später fahren wir in die Stadt zu einem Gewürzgarten. Dort haben wir wieder einen Guide ganz für uns. Das tolle ist, er kennt die Namen der Gewürze auf Deutsch und hat sich offensichtlich auf mein Kommen vorbereitet. Ich lerne viele Gewürze und die entsprechenden Pflanzen kennen, die ich von zuhause nur aus dem Gewürzdöschen kenne. Dazu gibt es auch verschiedene Kaffeepflanzen. Pflanzen, von denen ich schon viel gehört hatte, aber sie mir nie vorstellen konnte.

Danach fuhren wir zur Elefantenstation. Hier hatten wir zum ersten Mal Gelegenheit, mit Elefanten auf Tuchfühlung zu gehen. Touristen können hier mal kurz für eine halbe Stunde eine vorgegebene Strecke reiten. Man steigt auf eine Empore und der gesattelte Elefant legt, wie ein Boot an. Man muß sich nur noch in den Sattel setzen. Ich bin erstaunt, wie sich Elefanten anfühlen. Das hätte ich mir anders vorgestellt. An die Gangart muß man sich erst gewöhnen, bevor man entspannt auf ihm oben sitzt. Das war schon toll. Aber ich fasse mich hier kurz, denn unser richtiges Elefantenabenteuer kommt erst noch.

Zum Abendessen fuhren wir zurück ins Hotel. Hier gibts hervorragendes Essen und wir hatten richtig Hunger. An diesem Abend sitzen wir noch lange zusammen und reden über die Ereignisse der letzten Tage. Lukas fällt auf, dass man hier ganz anders mit meiner Behinderung umgeht, als er dies von Deutschland kennt. Alles entspannter und natürlicher. Wir unterhalten uns über viele Dinge, die daheim kaum zur Sprache gekommen sind, weil sie einfach in der Familie nie relevant waren. Aber Indien war nun mal in Bezug auf Kontaktaufnahme mit anderen Menschen und Orientierung eine schöne Herausforderung.

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Im Periyar-Nationalpark

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Angekündigt in den Reiseunterlagen war eine Tour mit dem Ochsenkarren durch den Periyar-Nationalpark. Was wir jedoch tatsächlich erlebten, war noch viel spannender. Jose holte uns an diesem Morgen recht früh vom Hotel ab. Eigentlich hätte ich Lukas ganz gerne an diesem Tag ein leuchtendes T-Shirt verordnet, damit es mir leichter wäre, ihm zu folgen. Aber man hatte uns abends zuvor gesagt, dass wir wegen der wild lebenden Tiere, auf hell leuchtende Bekleidung verzichten sollten. Wir fuhren an den Eingang des Nationalparks und wurden von einer Motor-Rickscha in den Park, zum Treffpunkt gefahren. Zunächst wurden wir mit Lunchpaketen und Wasser versorgt, dann erhielten wir eine Art Strümpfe, die bis über die Knie reichten und über die Hose gezogen wurden. Schlangen? Insekten? Am Nachmittag wussten wir, für was u.a. diese seltsamen Kleidungsstücke gut waren.
Dann gings los. Zunächst überquerten wir mit einem Floß einen kleinen Fluss. Es war das erste Mal, dass wir nicht alleine, sondern mit einer Gruppe von ca. 20 Personen und einigen Ranchern, unterwegs waren.
Ein Ranger trug sogar ein Gewehr. Als wir uns auf der anderen Seite wieder sammelten, hörte ich auf einmal deutsche Stimmen. Es waren Christopher und Mascha, ein Studentenpärchen, das gemeinsam ein Auslandssemester in Indien absolvierte. Wir liefen los und es war schnell klar, dass wir gute Kondition brauchten, um das Tempo der Ranger mitzuhalten. Wir liefen enge Pfade, die in der Breite teilweise nur einer Person Platz zum Laufen boten. Ich lief Lukas hinterher. Teilweise legte ich meine Hand auf seinen Rücken, um die Richtung genau einhalten zu können. Nachdem wir unseren Laufrythmus gefunden hatten, war es kein Problem mehr, das Tempo zu halten. Wir liefen vorne bei den ersten Ranchern und bekamen so viele Dinge mit, die einige andere, die teilweise 50 Meter hinterher liefen, nicht so mitbekamen. Pflanzen, Insekten und Vögel wurden erklärt. Hierauf weiter einzugehen, würde den Rahmen dieses Blogs sprengen.
Wir kamen an den ersten Bach. Lukas sprang drüber, zeigte mir die Entfernung an und ich sprang hinterher. Hatten sich die Ranger vorher Gedanken gemacht, wie ich da rüber kommen sollte, war der Fall damit erledigt. Auch der nächste Bach, den wir über Steine überqueren mussten, war für uns kein Problem. Wir waren inzwischen so aufeinander eingespielt, dass wir nicht mehr viele Worte brauchten, um uns zu verständigen.
Interessant waren für mich die Reaktionen der Ranger. Sie waren so,
wie ich es die letzten Tage immer wieder erlebt hatte. Sie waren aufmerksam, was meine Behinderung betraf und auch hilfsbereit. Aber in dem Moment, wo sie sahen, dass ich klar komme, nehmen sie das mit großem Respekt an und lassen einen machen, bzw. wussten sie dann sofort, wie sie ggf. unterstützen konnten. In Deutschland macht die ständige Überbehütung und das Nichtzutrauen vieles komplizierter als das hier der Fall war. Andere Teilnehmer hatten erheblich mehr Probleme, über die Bäche zu kommen.
Nach zwei Stunden Fußmarsch, erreichten wir eine Lichtung zum Rasten. Die reichhaltigen Lunchpakete wurden ausgepackt.
Am Rand der Lichtung lagen Teile eines Büffelskeletts, das ich eingehend unter die Lupe nahm. Nach einer halben Stunde ging es weiter, aber ein Teil der Gruppe kehrte um, weil das Tempo und das tropische Klima ihnen zu schaffen machte.
Der Rest lief in gleicher Geschwindigkeit weiter. Der Weg wurde schwieriger und es ging in den Wald. Die Ranger zeigten uns einen Baum, den ein Tiger mit seinen Krallen markiert hat. Wir durchquerten den Wald und mussten über diverse Stämme klettern. Immer in der Hoffnung, dass irgendwelche wilden Tiere zu sehen wären. Schließlich gibt es eine ganze Menge davon im Periyar-Nationalpark. Rund 1000 Elefanten, 40 Tiger, Leoparden, Schlangen, Warane und vieles mehr leben, hier. Aber außer seltenen Vögeln, Insekten usw. war da erstmal nichts zu sehen.
Aber an vielfältigen Spuren war durchaus wahrzunehmen, dass hier tatsächlich Tiger vorhanden waren. Allein das Wissen um ihre Anwesenheit, war schon spannend. Wir kamen an den Periyarfluss. Hier lagen Flöße für uns bereit. Wir vier Deutschen teilten uns ein Floß. Jeder bekam ein Paddel und wir fuhren den Fluss hinunter. Da wurden Kindheitsträume Realität. Nach einer Stunde Paddeln, legten wir an. Weiter ging es durch den Wald. Aber außer einigen Knochen eines Elefantenkopfes, war nichts von wilden Tieren zu sehen. Zwischendrin hatten die Ranger mal was entdeckt und der Gewehrträger war sehr aufmerksam.
Es war jetzt Mittag und Zeit für eine große Pause. Alle waren erschöpft. In der Nähe der Flöße wurden Planen ausgebreitet und wir machten eine längere Pause.
Unsere Lunchpakete hatten den Marsch nicht gut überstanden. Wir aßen Krümel. Es zogen Wolken auf und es donnerte in der Ferne. Auf ein Tropengewitter hier, wo wir ja noch auf den Fluß mussten, hatte ich keine große Lust. Zum Glück traf uns das Gewitter nicht. Aber es begann zu regnen. Trotzdem, wir mussten zurück. Danke Christine an dieser Stelle, dass du mir den wasserdichten Brustbeutel mitgegeben hast. Unsere Reisepässe, ohne die man in Indien keinen Schritt tun sollte, wären unbrauchbar geworden. Wir paddelten, wie die Wilden und lieferten uns mit den anderen Flößen ein Rennen. Es regnete immer heftiger und wir mussten den ganzen Weg zurück. Wir vorne weg, in einem Affentempo. Was ein Glück, denn ein Ranger stoppte uns und führte uns auf die Seite. Wir waren vorne die Ersten. Und so konnte Lukas an diesem Tag doch noch frei lebende Elefanten beobachten. Das hatte ich mir für ihn gewünscht.
Wir waren teilweise fast bis zu den Knien im Wasser. Irgendwann bemerkte ich an meinen Armen etwas Glibberiges, was ich zunächst nicht zuordnen konnte. Es waren Blutegel, die sich an mir satt gesaugt hatten. Später holten wir ungefähr 20 davon aus meinen Schuhen raus. Dafür nutzten also diese überdimensionalen Strümpfe. Wir wurden wieder über den Fluss gesetzt. In dem Moment, wo wir an der Station ankamen, schien die Sonne wieder. Lukas konnte noch ein paar Affen fotografieren und dann war auch schon Jose da, um uns abzuholen. Völlig durchnässt und verdreckt stiegen wir in unseren Tojota. Eigentlich war noch ein Essen in der Stadt geplant. Da wir aber ziemlich erschöpft und nicht gesellschaftsfähig aussahen, beschlossen wir, im Hotel zu speisen.

Auf dem Weg zum Hotel erreichte uns die Nachricht, dass im Distrikt, in dem wir uns gerade aufhielten, für den nächsten Tag Streiks angekündigt waren. Offensichtlich sind diese Streiks nicht unproblematisch, denn Jose meinte, dass wir wohl am nächsten Tag nicht fahren können und im Hotel bleiben müssten. Das schmeckte mir gar nicht und ich schlug vor, dass wir schon in der Nacht weiterfahren könnten. Dieser Vorschlag wurde von unserer Reisekoordination dankend aufgenommen. Die waren richtig begeistert und erleichtert, dass uns das nichts ausmachte und wir locker blieben. Man hatte hier wohl schon mit Touristen ganz andere Sachen erlebt.
Im Hotel angekommen, musste ich Wäsche waschen lassen, weil ich sonst nicht über die Zeit gekommen wäre. Glücklicherweise hatte das Hotel eine eigene Wäscherei.
Zum Abendessen waren wir Gäste des Hotels.
Morgens um vier aufzustehen viel uns zwar nach diesem Tag enorm schwer, aber so mussten wir eben nicht auf das nächste tolle Erlebnis verzichten.
Youtubevideo: Bericht Periyar-Nationalpark