Unsere Elefantentour

Freitag, 18. Oktober 2013

Wegen der Streiks mussten wir bereits um vier Uhr aufstehen. Um 5.00 Uhr wollten wir im Auto sitzen, um den Distrikt rechtzeitig vor Beginn der Blockaden zu verlassen. Packen war etwas schwierig, weil unser kleiner Rucksack samt Inhalt und unsere Schuhe derart nass vom Vortag waren, dass wir die Sachen nicht richtig zusammenpacken konnten. Das Frühstück musste ausfallen. Wir bekamen ein großes Lunchpaket. Auf den Straßen war schon eine Menge los. Inzwischen konnte ich aber auch schon, trotz der indischen Straßenverhältnisse, im Auto schlafen.
Unser Ziel war Kanam, Hotel Serinity. Nach ungefähr drei Stunden Fahrt kamen wir dort an. Natürlich war unser Zimmer um diese Zeit noch nicht fertig. Aber nach dem obligatorischen Fruchtsaft zur Begrüßung und den üblichen Formalitäten, bei denen mal wieder lange unsere Reisepässe studiert wurden, erhielten wir ein vorläufiges Zimmer. Hier begann ich unsere Schuhe von unserem Dschungelausflug trocken zu föhnen. Später bekamen wir dann ein anderes Zimmer. Groß, mit eigener Veranda, direkt in der Nähe eines Pools. Hier konnten wir die ganzen nassen Klamotten, samt Rucksack und Schuhen in der Sonne ausbreiten. Heute wartet ein ganz besonderes Event auf uns.
Eines der faszinierensten Tiere für mich waren schon immer Elefanten. Einen Elefanten wollte ich schon immer mal näher kennen lernen. Also mietete ich mir, gewissermaßen als Special-Event, für einen Tag einen Elefanten mit seinem, oder besser gesagt ihrem Mahut.

Der nachfolgende Text unterscheidet sich etwas von den anderen Texten, die ich hier veröffentlicht habe. Im Rahmen einer Veranstaltung zum Thema Hören, präsentierte ich im Aschaffenburger Stadttheater unsere Elefantentour als Traumreise. Die Zuhörer hatten zum größten Teil dunkle Brillen auf und durch meine Erzählweise, sollten innere Bilder hervorgerufen werden. Da mein Auftritt sehr erfolgreich war, gebe ich den Text hier so wieder, wie ich ihn bei der voll besetzten Abendveranstaltung auf der Bühne mit eingespielten Geräuschen vorgetragen habe.

Ich liege im Hotel auf der Veranda in einem Liegestuhl. Es ist ein Liegestuhl mit verlängerten Lehnen, worauf man die Füße nach vorne legen kann. Neben mir, auf einem kleinen Tisch steht ein Glas leckerer Fruchtsaft. Banane, Ananas, Papaya und Kokos. Ich träume so vor mich hin, denn ich bin noch ganz hin und weg von der Dschungelsafari tags zuvor. Da konnte Lukas schon wild lebende Elefanten beobachten.
Auf einmal höre ich leichte Schritte über das Gras vor der Veranda kommen. Eine weiche Frauenstimme sagt: „Sir, your elephant is ready“. Was ein Lebensgefühl.
Ich bin plötzlich hellwach und aufgeregt, wie ein kleines Kind. Ich rufe Lukas, der gerade dabei war die Bilder und Videos des Vortages ins Internet hochzuladen.  Schuhe anziehen, kurz gegen Insekten einsprühen und los. Vor dem Hotel steht das riesige Tier. Mit meinem bisschen Sehrest für mich nur als riesiger Schatten wahrnehmbar. Sofort spüre ich die enorme Ausstrahlung, die von diesen Tieren ausgeht. Wir nähern uns Laxmi, die Elefantin schnaubt und brummt ganz tief. Klingt irgendwie lieb. Ich bin noch ganz fasziniert von der Größe als ich spüre, wie mich etwas vorsichtig, in Höhe meiner Taschen abtastet. Ich greife vorsichtig nach vorne und spüre den Rüssel, mit dem Laxmi wohl gerade abcheckt, ob sie etwas Leckres in meiner Tasche finden könnte. Der Rüssel fühlt sich viel weicher an als ich mir vorgestellt hatte. Nicht vorstellbar, was Elefanten damit alles anstellen können und wieviel Kraft in so einem Rüssel steckt. Dann reicht uns der Mahut  von hinten Bananen, mit deren Hilfe wir uns bei Laxmi beliebt machen sollen. Ich nehme eine Banane in die Hand und strecke sie der Elefantin entgegen. Ganz vorsichtig kommt wieder der Rüssel. Ich lege die Banane hinein und Laxmi buxiert die Banane mit dem Rüssel ins Maul. Die zweite Banane fällt mir runter. Auch kein Problem, der Rüssel ist ja irre lang.
Laxmi kann erstaunlich viele Bananen verdrücken. So ein Riese frisst vier bis sechs Zentner pro Tag. Zum Frühstück gibts dann schon mal Reisbällchen von 30 Kg.
Nachdem wir uns also beide mit Laxmi angefreundet haben, geht es ans Aufsitzen. Die Elefantin legt sich auf Befehl hin. Selbst im Liegen, ist sie so groß, dass ich die Arme hoch strecken muss, um an das Halteseil auf dem Rücken zu kommen. Also mit einem Fuß auf das Vorderbein stellen, hochziehen und das andere Bein über den Rücken. Ganz schön dick so ein Elefant. Ich sitze mit total gespreizten Beinen und überlege mir ernsthaft, wie ich das nun stundenlang aushalten soll. Während Lukas hinter mir auf den Elefantenrücken klettert, erkunde ich meine Umgebung. Taste Laxmis Kopf ab und bin ganz fasziniert wie weich und gleichzeitig robust sich die Elefantenhaut anfühlt
Dann höre ich ein Kommando und fühle mich plötzlich, wie in einem nach oben fahrenden Fahrstuhl. Laxmi erhebt sich. Die Menschen unten sind plötzlich für mich weit weg und klein.
Fotos scheinen in Indien eine sehr große Bedeutung zu haben. Überall, bot man uns an, uns beide zu fotografieren. Auch hier. Laxmi bekommt den Befehl den Rüssel hoch zu nehmen und sich in voller Pracht zu präsentieren. Dann werden von unten wieder Bananen hochgereicht und Laxmi angelt sie sich aus unseren Händen. Praktisch so ein Rüssel. Man kann sich aus allen Positionen seine Leckereien angeln. Wir bekommen Wasserflaschen hochgereicht, die wir bequem auf dem Elefantenrücken zwischen uns ablegen können.
Plötzlich legt sich etwas warmes, weiches um meine Beine. Ich taste danach und entdecke die riesigen Elefantenohren. Jetzt weiß ich, woher der Begriff „Lauschlappen kommt“.

Nun geht es los. Auf Befehl setzt sich die Elefantin in Bewegung. Bei jedem Schritt spüren wir das Muskelspiel. Allein das ist schon ein taktiles Erlebnis. Wobei ich durchaus eine gewisse Zeit brauche, mich an den Bewegungsablauf zu gewöhnen und bis ich mich sicher fühle.

Wir reiten runter vom Hotelgelände, einen recht schmalen Weg entlang, so dass uns gelegentlich die Blätter der Bäume durchs Gesicht streichen. Dann ging es eine Straße entlang durchs Dorf. Interessant, die Alltagsgeräusche, wie Markt, Baustelle und die Menschen, mal aus dieser Höhe zu erleben. Wir sitzen höher als die LKWs, die an uns vorbeifahren. Eigentlich müssten die Menschen hier ja gewohnt sein, dass irgendwelche Touristen auf Elefanten durchs Dorf reiten. Trotzdem sind wir die Sensation. Menschen winken uns zu und wünschen uns eine schöne Tour.
Plötzlich ruft Lukas: Papa, Vorsicht! Ein Kabel! Ich kann mich gerade noch ducken, bevor ein Stromkabel, das hoch über die Straße gespannt ist, über mich streift.
Wir kommen an einer Schule vorbei. Massen an Kindern bewegen sich in unsere Richtung und rufen uns zu.
Nun geht es in die Natur. Wir reiten einen etwas steileren Pfad hoch. Es ist schon etwas mühsam für uns, uns auf dem Elefantenrücken festzuhalten. Dann genießen wir einfach nur die Geräusche der Natur, bzw. Lukas genießt die Aussicht. Auf einmal grollt es ganz tief im Elefantenkörper  und es platscht ziemlich heftig hinter uns. Am Geruch erkenne ich, dass es sich um die riesigen Hinterlassenschaften der Elefantin handelt.

Wir erreichen einen Fluss. Laxmi legt sich auf Befehl hin und wir steigen ab. Linkes Bein über den Rücken, mit den Händen am Halteseil festhalten und runter rutschen. Durch das lange Sitzen mit gespreizten Beinen habe ich anfangs Mühe, überhaupt zu laufen. Das war heftig. Laxmi wird ihre Decke abgenommen und auf Befehl geht sie ins Wasser. Auf einen weiteren Befehl, legt sie sich auf die Seite, wie ein Hund. Dann werden wir vom Mahut gerufen, doch auch mit ins Wasser zu kommen. Also Schuhe aus, Jeans hochgekrempelt und zu Laxmi ins Wasser. Wir bekommen jeder eine halbe Kokosnußschale. Die Tauchen wir ins Wasser und rubbeln Laxmi damit ab. Das gefällt ihr. Sie liegt im Wasser, sprüht mit dem Rüssel gelegentlich eine kleine Wasserfontäne in die Luft und freut sich ihres Lebens. So kann ich den Elefantenkörper sehr intensiv kennenlernen. Ich bin immer noch fasziniert vom Gefühl der Elefantenhaut.
Als wir mit dem Abrubbeln fertig sind, steht Laxmi auf Befehl wieder auf. Auf einen Zuruf duscht sie sich selbst mit dem Rüssel ab. Das ist für alle Beteiligten eine nasse Angelegenheit.

Wir machen uns auf den Rückweg. Das Aufsteigen geht schon viel lockerer als beim ersten mal. Lukas und ich tauschen die Plätze. Ich stelle fest, dass man weiter hinten viel gemütlicher sitzt als vorne, direkt über den Schultern.
Ich lasse die Schuhe aus und hänge sie mir an den Gürtel. und die nasse Jeans wird hochgekrempelt, um mehr vom Elefanten zu spüren. Wir genießen den Ritt zurück, durch die Natur, wieder durchs Dorf an der Schule vorbei, zu unserem Hotel. Wir machen noch mal Fotos, Laxmi kriegt die letzten Bananen. Ich lasse mir nochmal Zeit, den Elefantenkörper abzutasten und die Eindrücke zu speichern.

Es war gut, dass wir am Morgen so früh im Hotel ankamen. Wären wir, wie ursprünglich geplant, später gefahren, hätten wir die Elefantentour nicht machen können. Wir waren kaum zurück im Zimmer, bekamen ein reichhaltiges Mittagessen auf unserer Veranda serviert, da zog ein kräftiges Tropengewitter auf. Eigentlich wollten wir uns noch Gewürzplantagen anschauen. Aber das war nicht möglich. Später rief Jose an und meinte, dass er keine Chance hätte, mit dem Auto zu uns durchzukommen. Also verbrachten wir den Nachmittag gemütlich im Hotel und luden unsere Bilder ins Internet hoch. Wäre ja zu schade gewesen, wenn durch einen Geräteschaden, die Bilder verloren gingen. Wir waren die einzigen Gäste. Nachdem das Gewitter abgeklungen war, föhnte ich weiter mit mäßigem Erfolg unsere Schuhe. Es sollte noch zwei Tage dauern, bis die wieder gesellschaftsfähig waren. Der Regen war für uns aber nicht schlimm, hatten wir doch ein sehr außergewöhnliches Erlebnis gehabt.

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