Im Periyar-Nationalpark

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Angekündigt in den Reiseunterlagen war eine Tour mit dem Ochsenkarren durch den Periyar-Nationalpark. Was wir jedoch tatsächlich erlebten, war noch viel spannender. Jose holte uns an diesem Morgen recht früh vom Hotel ab. Eigentlich hätte ich Lukas ganz gerne an diesem Tag ein leuchtendes T-Shirt verordnet, damit es mir leichter wäre, ihm zu folgen. Aber man hatte uns abends zuvor gesagt, dass wir wegen der wild lebenden Tiere, auf hell leuchtende Bekleidung verzichten sollten. Wir fuhren an den Eingang des Nationalparks und wurden von einer Motor-Rickscha in den Park, zum Treffpunkt gefahren. Zunächst wurden wir mit Lunchpaketen und Wasser versorgt, dann erhielten wir eine Art Strümpfe, die bis über die Knie reichten und über die Hose gezogen wurden. Schlangen? Insekten? Am Nachmittag wussten wir, für was u.a. diese seltsamen Kleidungsstücke gut waren.
Dann gings los. Zunächst überquerten wir mit einem Floß einen kleinen Fluss. Es war das erste Mal, dass wir nicht alleine, sondern mit einer Gruppe von ca. 20 Personen und einigen Ranchern, unterwegs waren.
Ein Ranger trug sogar ein Gewehr. Als wir uns auf der anderen Seite wieder sammelten, hörte ich auf einmal deutsche Stimmen. Es waren Christopher und Mascha, ein Studentenpärchen, das gemeinsam ein Auslandssemester in Indien absolvierte. Wir liefen los und es war schnell klar, dass wir gute Kondition brauchten, um das Tempo der Ranger mitzuhalten. Wir liefen enge Pfade, die in der Breite teilweise nur einer Person Platz zum Laufen boten. Ich lief Lukas hinterher. Teilweise legte ich meine Hand auf seinen Rücken, um die Richtung genau einhalten zu können. Nachdem wir unseren Laufrythmus gefunden hatten, war es kein Problem mehr, das Tempo zu halten. Wir liefen vorne bei den ersten Ranchern und bekamen so viele Dinge mit, die einige andere, die teilweise 50 Meter hinterher liefen, nicht so mitbekamen. Pflanzen, Insekten und Vögel wurden erklärt. Hierauf weiter einzugehen, würde den Rahmen dieses Blogs sprengen.
Wir kamen an den ersten Bach. Lukas sprang drüber, zeigte mir die Entfernung an und ich sprang hinterher. Hatten sich die Ranger vorher Gedanken gemacht, wie ich da rüber kommen sollte, war der Fall damit erledigt. Auch der nächste Bach, den wir über Steine überqueren mussten, war für uns kein Problem. Wir waren inzwischen so aufeinander eingespielt, dass wir nicht mehr viele Worte brauchten, um uns zu verständigen.
Interessant waren für mich die Reaktionen der Ranger. Sie waren so,
wie ich es die letzten Tage immer wieder erlebt hatte. Sie waren aufmerksam, was meine Behinderung betraf und auch hilfsbereit. Aber in dem Moment, wo sie sahen, dass ich klar komme, nehmen sie das mit großem Respekt an und lassen einen machen, bzw. wussten sie dann sofort, wie sie ggf. unterstützen konnten. In Deutschland macht die ständige Überbehütung und das Nichtzutrauen vieles komplizierter als das hier der Fall war. Andere Teilnehmer hatten erheblich mehr Probleme, über die Bäche zu kommen.
Nach zwei Stunden Fußmarsch, erreichten wir eine Lichtung zum Rasten. Die reichhaltigen Lunchpakete wurden ausgepackt.
Am Rand der Lichtung lagen Teile eines Büffelskeletts, das ich eingehend unter die Lupe nahm. Nach einer halben Stunde ging es weiter, aber ein Teil der Gruppe kehrte um, weil das Tempo und das tropische Klima ihnen zu schaffen machte.
Der Rest lief in gleicher Geschwindigkeit weiter. Der Weg wurde schwieriger und es ging in den Wald. Die Ranger zeigten uns einen Baum, den ein Tiger mit seinen Krallen markiert hat. Wir durchquerten den Wald und mussten über diverse Stämme klettern. Immer in der Hoffnung, dass irgendwelche wilden Tiere zu sehen wären. Schließlich gibt es eine ganze Menge davon im Periyar-Nationalpark. Rund 1000 Elefanten, 40 Tiger, Leoparden, Schlangen, Warane und vieles mehr leben, hier. Aber außer seltenen Vögeln, Insekten usw. war da erstmal nichts zu sehen.
Aber an vielfältigen Spuren war durchaus wahrzunehmen, dass hier tatsächlich Tiger vorhanden waren. Allein das Wissen um ihre Anwesenheit, war schon spannend. Wir kamen an den Periyarfluss. Hier lagen Flöße für uns bereit. Wir vier Deutschen teilten uns ein Floß. Jeder bekam ein Paddel und wir fuhren den Fluss hinunter. Da wurden Kindheitsträume Realität. Nach einer Stunde Paddeln, legten wir an. Weiter ging es durch den Wald. Aber außer einigen Knochen eines Elefantenkopfes, war nichts von wilden Tieren zu sehen. Zwischendrin hatten die Ranger mal was entdeckt und der Gewehrträger war sehr aufmerksam.
Es war jetzt Mittag und Zeit für eine große Pause. Alle waren erschöpft. In der Nähe der Flöße wurden Planen ausgebreitet und wir machten eine längere Pause.
Unsere Lunchpakete hatten den Marsch nicht gut überstanden. Wir aßen Krümel. Es zogen Wolken auf und es donnerte in der Ferne. Auf ein Tropengewitter hier, wo wir ja noch auf den Fluß mussten, hatte ich keine große Lust. Zum Glück traf uns das Gewitter nicht. Aber es begann zu regnen. Trotzdem, wir mussten zurück. Danke Christine an dieser Stelle, dass du mir den wasserdichten Brustbeutel mitgegeben hast. Unsere Reisepässe, ohne die man in Indien keinen Schritt tun sollte, wären unbrauchbar geworden. Wir paddelten, wie die Wilden und lieferten uns mit den anderen Flößen ein Rennen. Es regnete immer heftiger und wir mussten den ganzen Weg zurück. Wir vorne weg, in einem Affentempo. Was ein Glück, denn ein Ranger stoppte uns und führte uns auf die Seite. Wir waren vorne die Ersten. Und so konnte Lukas an diesem Tag doch noch frei lebende Elefanten beobachten. Das hatte ich mir für ihn gewünscht.
Wir waren teilweise fast bis zu den Knien im Wasser. Irgendwann bemerkte ich an meinen Armen etwas Glibberiges, was ich zunächst nicht zuordnen konnte. Es waren Blutegel, die sich an mir satt gesaugt hatten. Später holten wir ungefähr 20 davon aus meinen Schuhen raus. Dafür nutzten also diese überdimensionalen Strümpfe. Wir wurden wieder über den Fluss gesetzt. In dem Moment, wo wir an der Station ankamen, schien die Sonne wieder. Lukas konnte noch ein paar Affen fotografieren und dann war auch schon Jose da, um uns abzuholen. Völlig durchnässt und verdreckt stiegen wir in unseren Tojota. Eigentlich war noch ein Essen in der Stadt geplant. Da wir aber ziemlich erschöpft und nicht gesellschaftsfähig aussahen, beschlossen wir, im Hotel zu speisen.

Auf dem Weg zum Hotel erreichte uns die Nachricht, dass im Distrikt, in dem wir uns gerade aufhielten, für den nächsten Tag Streiks angekündigt waren. Offensichtlich sind diese Streiks nicht unproblematisch, denn Jose meinte, dass wir wohl am nächsten Tag nicht fahren können und im Hotel bleiben müssten. Das schmeckte mir gar nicht und ich schlug vor, dass wir schon in der Nacht weiterfahren könnten. Dieser Vorschlag wurde von unserer Reisekoordination dankend aufgenommen. Die waren richtig begeistert und erleichtert, dass uns das nichts ausmachte und wir locker blieben. Man hatte hier wohl schon mit Touristen ganz andere Sachen erlebt.
Im Hotel angekommen, musste ich Wäsche waschen lassen, weil ich sonst nicht über die Zeit gekommen wäre. Glücklicherweise hatte das Hotel eine eigene Wäscherei.
Zum Abendessen waren wir Gäste des Hotels.
Morgens um vier aufzustehen viel uns zwar nach diesem Tag enorm schwer, aber so mussten wir eben nicht auf das nächste tolle Erlebnis verzichten.
Youtubevideo: Bericht Periyar-Nationalpark

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