Unser Ziel Tiruvanantapuram

Dienstag, 22. Oktober 2013

Morgens um halb sechs war die Nacht für mich vorbei. Ich stand auf und versuchte mich möglichst leise durch den Gang nach vorne zu schleichen. Ich wollte ganz alleine den Morgen genießen, die fremdartigen Vögel und anderen Geräusche lauschen. Ich legte mich ins Freie auf der Plattform auf die Matratze. Keine fünf Minuten später wurde eine Tasse Tee neben mir abgestellt. Eine halbe Stunde später, gesellte sich auch Lukas dazu.
Dieser Morgen auf dem Wasser wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Bevor wir ablegten, machte unser Captain, Lukas noch auf eine Wasserschlange aufmerksam, die in unserer Nähe vorbeischwamm. Ein Frühstück, mit dem man vier Leute hätte satt kriegen können, bildete den Abschluss unserer Hausbootfahrt.

Jose wartete schon auf uns. Er sollte uns heute noch nach Tiruvanantapuram, früher Trivandrum, fahren. Dort musste ich an einer Konferenz teilnehmen, der eigentliche Grund unserer Reise. Als ich im Auto saß, war meine Stimmung auf dem Tiefpunkt. Ich hätte noch mindestens eine Woche so weiterreisen können. Fünf Stunden dauerte die Fahrt. Zwischendrin machten wir Rast an einer typisch indischen Raststätte. Hier wurde mit den Fingern gegessen und die Toilette bestand aus einem Raum mit einem Loch im Boden. Aber es ist interessant, mal von den üblichen Touristenwegen abzuweichen und die Atmosphäre unter der einheimischen Bevölkerung zu erleben.
Nach mehreren Stopps, verursacht durch Kühe und einer Wahlkampfveranstaltung, bei der man mal kurz beschlossen hatte, die Straße zu blockieren, kamen wir in der Hauptstadt von Kerala, dem früheren Trivandrum an.
Unser Ziel war der Kanthari-Campus.
Kanthari ist ein Projekt, mit dem meiner Ansicht nach, wirkliche Entwicklungshilfe gemacht wird. Menschen, die in ihren Ländern soziale Projekte realisieren wollen, werden hier gecoacht, damit sie ihre eigenen Projekte in ihrer Heimat umsetzen können.
Gegründet wurde Kanthari u.a. von Sabrye Thenberken. Einer blinden Frau, die bereits durch die Gründung der ersten Blindenschule in Tibet auf sich aufmerksam machte. Ich kenne Sabrye seit meiner Schulzeit und konnte nun die bereits mehrfach ausgesprochene Einladung, das Projekt zu besuchen, endlich annehmen.
Und hier ist auch der eigentliche Anlass zu unserer Reise. Unser Dachverband, Dialogue Social Enterprise, veranstaltet jährlich eine internationale Konferenz, bei der sich Mitarbeiter aus unseren Projekten aus der ganzen Welt treffen.

Noch während der Fahrt erkundigte ich mich bei Jose, wie das denn mit den Taxis in Indien so läuft. Preise usw. Er meinte, darum bräuchte ich mich nicht zu kümmern. Ich könne ihn jederzeit anrufen, wenn ich einen Fahrer bräuchte. Er hatte also noch nicht realisiert, dass unser gemeinsamer Weg hier zu Ende ging. Als wir auf dem Kampus ankamen regnete es in Strömen. Wir luden schnell unser Gepäck aus und verabschiedeten uns mit einem ordentlichen Trinkgeld von Jose. Er war merkwürdig ruhig und routiniert, verabschiedete sich kurz, wie jeden Abend.
Wir erledigten die auch hier wieder notwendigen Formalitäten und glücklicherweise hatte ich noch für jeden ein letztes Passfoto einstecken, das wir hier zur Registrierung in der Hauptstadt brauchten. Warum, keine Ahnung. Wir erhielten die Tagungsunterlagen. Und ganz wichtig: Eine Wasserflasche. Neben der Küche konnten wir uns damit mit Trinkwasser versorgen. Unser Zimmer war sehr einfach, die Betten hart. Trotzdem war ich irgendwie froh, dass wir auf diese Art untergebracht waren und nicht in einem, nach westlichem Stil geprägtem Hotel. Beim anschließenden Tee trafen wir die ersten Kollegen. Zusammen mit den Gästen waren wir Teilnehmer aus 22 Nationen . Es ist immer wieder ein Erlebnis, wenn Menschen, aus so verschiedenen Kulturen zusammenkommen.
Es war mehr als eine Stunde vergangen, als wir angesprochen wurden, unser Fahrer würde am Tor auf uns warten. Wir dachten, wir hätten etwas im Auto vergessen. Aber nein. Jose hatte seinen nächsten Auftrag bekommen und erst jetzt realisiert, dass wir uns tatsächlich ganz bei ihm verabschiedet hatten. Deshalb hatte er umgedreht, um sich richtig von uns zu verabschieden. Es war eine schöne Zeit zusammen. Ich glaube, auch ihm hat es mit uns Spaß gemacht. Die Gelassenheit, mit der er uns durch den chaotischen indischen Straßenverkehr steuerte, fand ich beeindruckend. Wir konnten viel von ihm über Land und Leute lernen.

Sabrye führte uns übers Gelände. Der ganze Kampus besteht aus Innovationen. Lehmhäuser, die sich selbst kühlen. Regenwasser wird gesammelt und entsprechend durch einen Wiederverwertungskreislauf geschickt, bis es wieder für die Pflanzen im Garten zur Befeuchtung dient. Auch Strom wird möglichst viel durch Solarenergie gewonnen.
Und siehe da: An das Gelände grenzte ein See, der zum Schwimmen einlud. Diese Möglichkeit nutzen wir die nächsten Tage. Die kleinen Bewohner, ungiftige Wasserschlangen, schreckten uns nicht ab.
Projektvorstellung Kanthari

Vorstellung Kanthari

Abends begann der erste offizielle Teil mit Vorstellungsrunde. Ich war stolz auf Lukas, wie souverän er sich vor ca. 70 Leuten in Englisch vorstellte.
Die Nacht war laut. Viele unbekannte Geräusche wurden von den allgegenwärtigen Heuschrecken dominiert. Ich glaube, richtig still ist es in Indien nirgends.

Wikipedia über Sabriye Tenberken

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